Kompensation bezeichnet Verringerung einer Funktionsfähigkeit und dann Zugewinn innerhalb desselben funktionellen Rahmens. Funktion ist eine Regel für Vergleichbarkeit, im Fall der Kompensation in einem zeitlich Rahmen eines vorher/nachher, und zwar folgendermaßen:

  1. Ein Leistungsverlust wird von einem System durch erhöhte Aktivität ausgeglichen (zB. eines Organs) - nennen wir das primitive Kompensation

  2. Eine Funktion, die bisher auf primitivere Weise gelöst wurde, wird nun durch Auslagerung scheinbar aufgegeben und in komplexerer Weise erfüllt.

Kommunikationsmedien in der herkömmlichen Bedeutung als Medien der Kommunikationsermöglichung oder -erleichterung kann man als technikgestützte Praktiken der Kommunikation zwischen Menschen definieren, die einerseits die Funktionen und Leistungen der face-to-face-Kommunikation beschneiden, sie andererseits aber auch erhöhen (z. B. bzgl. der räumlichen Reichweite, der Verbreitungspotenz oder ihrer Langlebigkeit). Beides kann pathologische oder auch nur sozial dysfunktionale Folgen haben, die durch medienspezifische Verhaltensnormen oder -regelmäßigkeiten kompensiert werden können.

Latent.de - Kommunikationspathologien im Internet

Kompensation gleicht hier der Überaktivität eines Organs wegen verminderter Leistungsfähigkeit. Das wäre das Hypertrophieren von Kommunikationsfiguren, die sich als der Face-to-Face-Interaktion typisch herausstellen. Da die Reaktion der alten Routine folgt, ist das eine primitive Kompensation.

Kompensation durch Überaktivität ist auch was gemeint ist, wenn alltagspsychologisch vom “Kompensieren” die Rede ist (Jemand kompensiere beispielsweise Größe durch Geltungsbedürfnis).

Die Beschränkung der Leistungen von Kommunikation durch Kommunikationsmedien besteht darin, daß sie einige oder mehrere der zu der ursprünglichen oder Grundform der Kommunikation zwischen räumlich Anwesenden (“face-to-face”) gehörenden Kommunikationskanäle nicht mit abbildet und blockiert. Dadurch wird Kommunikation nicht unmöglich, sie verändert sich jedoch. Diese Grundform der Kommunikation besteht nicht nur aus einer sprachlich kodierten und durch Sprache transportierten Information und zugleich ausgedrückten Neben oder Metabotschaften durch z. B. den Tonfall oder der Signalisierung eigentlicher Mitteilungsabsichten, sondern ist ein komplexes Wechselspiel, das während jedes einzelnen Kommunikationsaktes Rückkopplungen zuläßt - seien dies das Mienenspiel des anderen, körperliche, etwas bestimmtes symbolisierende Reaktionen wie z. B. tiefes Luftholen, sei es das Angucken oder Weggucken (also die beobachtbare Aufmerksamkeit) oder andere, wie es heißt, nonverbale Kommunikationsinhalte. Durch alle diese Rückbotschaften wird das zu Kommunizierende permanent beeinflußt und angepaßt, und zwar währenddessen und nicht in einem Wechselspiel aneinander anschließender Kommunikationsakte.

Diese “Grundform der Kommunikation” ist die Erfindung eines natürlichen Modus, der durch neue Kommunikationsmedien an Leistungsfähigkeit verliere. Negativ definiert besteht kein großer Unterschied zwischen Brief, Telefonieren und Internetkommunikation, da alle gleichsam der Face-to-Face-Interaktion gegenüber defizitär sind. Dabei gehören zur Qualität der Interaktion ebenfalls die Fortsetzungsbedingungen. Im Internet ist nämlich nicht nur der Kontakt mit Unbekannten (Ähnlich Klingelstreichen, nach der Uhrzeit fragen, …), sondern Verwicklung in Kommunikation zwischen Unbekannten zu beobachten.

Hier gilt nicht das selbe wie beispielsweise bei einer Telefonbefragung: Eine “anonyme” Befragung kann sich dann doch auf die Zurechenbarkeit auf Haushalte verlassen und einen verlässlichen Datensatz generieren. Anonymisierung ist dann eine zusätzliche Leistung, die am Telefon zugesprochen werden muss. Darauf muss sich dann seitens des Befragten verlassen werden, bei begrenzter Rückverfolgbarkeit. Anders bei Facebook, wo vergebens versucht wird, Accounts auf “natürliche Personen” zurückzuverfolgen, geschweige denn Twitter, Reddit, 4chan.

Kompensation bei Kommunikationsmedien ist nicht mithilfe derselben Technik wieder auf ihre primitiven Anfänge zurückführbar. Wir kommen auch mit Videotelefonie und Sprachsteuerung nicht zurück. Die Möglichkeit, instantan Text zu versenden, hat nicht bloß dazu geführt, vorher selbstverständliches primitiv zu kompensieren, sie selbst ermöglicht eine Kompensationsleistung in der Kommunikation - die wieder selbstverständlich werden konnte. Das Kurzzeitgedächtnis, das face to face für das Aufrechterhalten des Themas in der Interaktion zuständig war, wird frei, wenn es im Text nachvollziehbar ist und nicht verloren geht, sobald es nicht vom Bewusstsein erinnert werden kann. Jedes Niederschreiben ist ein Auslagern von Gedächtnis. Mit der Beschleunigung und Flexibilisierung von Nachrichtenübermittlung im Internet wird diese Leistung schneller und flexibler. Das führt zu eigenen Textformen, wie jetzt schon bei der Verwendung von Instant-Messengern beobachtbar: Der Mehrthemenchat. Mehrere Themen werden in eigenen kurzen Nachrichten oder Absätzen behandelt. Das ist das Merkmal einer Textform, die beim Brief, dessen technischer Aufwand die strenge Trennung von Sender und Empfänger in unterschiedliche Situationen erzwingt, nicht entstanden ist.

Es empfiehlt sich, zwischen poetischen Texten, narrativen Texten und wissenschaftlichen Texten zu unterscheiden. […] Im Falle von narrativen Texten ergibt sich der Textzusammenhang aus der Spannung, also aus dem Unbekanntsein der Zukunft, die der Leser vor sich herschiebt; aber auch rückwärtsgerichtet daraus, daß die Auflösung der Spannung, wie Jean Paul notiert hat, auf die bereits gelesenen Teile des Textes zurückgreifen muss. […] Ganz andere Anforderungen stellt die Lektüre von Gedichten. Sie bieten keineswegs Erzählungen in Versform und können auch nicht linear Zeile für Zeile von Anfang bis Ende gelesen werden. Hier kommt es auf klangliche Elemente, Ungewöhnlichkeit der Wortwahl (gerade auch bei normalen Worten), Erkenen von Gegenbedeutungen und Kontrasten vor allem auf Rhythmik als Garant für eine untersinnig mitlaufende Einheit an. Die Lektüre erfordert ein aufmerksames Kurzzeitgedächtnis und vielschichtige Rekursionen, die sich nicht darauf verlassen können, daß das, was gemeint ist, auch gesagt wird.

Luhmann, Niklas (2008): Lesen lernen, in: Niklas Luhmann: Schriften zu Kunst und Literatur, zuerst erschienen in Luhmann, Niklas (2000): Short cuts

Gerade die herausfordernde Textart Lyrik ist sehr vorraussetzungsreich. Verlag und Autor als Adresse erzeugen Vertrauen: dass “etwas dahintersteckt”, und Unverständlichkeit kein Versehen ist.

Auch Wissenschaftler müssen, wenn sie publizieren wollen, Sätze bilden. In der dafür notwendigen Wortwahl herrscht jedoch ein für die meisten Leser unvorstellbares Maß an Zufall. Auch die Wissenschaftler selbst machen sich dies selten klar. Der weitaus größte Teil der Texte könnte auch anders formuliert sein und wäre auch anders formuliert, wenn er am nächsten Tag geschrieben worden wäre.

Je mehr geschrieben wird und je unübersichtlicher die Adressen werden, desto aufdringlicher wird die Kontingenz des Geschriebenen

Dies könnte ein Anlaß sein, daran zu erinnern, daß die Textsortendifferenzierung, mit Hinweis auf die wir unsere Überlegungen eingeleitet hatten, überhaupt erst im 18. Jahrhundert entstanden ist. Das gilt für den modernen Roman, für anspruchsvolle (fast könnte man sagen: multimediale) Lyrik, aber auch für die wissenschaftliche Publizistik. Offenbar hat diese Differenzierung in allen ihren Bereichen sich vom Buchdruck faszinieren lassen. Es könnte sein, daß wir jetzt, besonders angesichts der Möglichkeiten, die der Computer bietet, wieder mehr auf die Eigenleistungen des Schreibens zurückkommen müssen

Die poetische Lesart unter Mitbeachtung der Zufälligkeit des eigenen Schreibens ist nun möglich und häufig. Ein Beispiel dafür ist der Umgang mit Chatbots als parasoziale Interaktion, siehe auch hier

Weiter bei SCIENTIÆ MULORUM: Unspezifität und Risiko komplexer Kompensation

Weiter bei Critical Otter Studies: Virtual Reality - Was hinter dem Bildschirm wartet

oder

Critical Otter Studies: Nachbesprechung. Kompensation und poetisches Lesen