In der Zeit hat Antje Schrupp einen sehr interessanten Artikel zum Thema schwangerer Transmänner geschrieben, dessen Thema das Problem einer Wortfindung war. Sehr eindrucksvoll fand ich gerade den Punkt, dass entpolitisiert wer sagt, es gäbe keine Schwierigkeit, das zu bezeichnen, das da bezeichnet gehöre:

Eine ähnlich entpolitisierende Argumentationsweise findet sich aber zuweilen auch auf der anderen Seite, also bei denen, die für ein freies Verständnis der Geschlechterdifferenz eintreten. In queerfeministischen Debatten habe ich schon manchmal gehört, dass es in Bezug auf Geschlecht nichts zu verhandeln gäbe, weil die Geschlechtszugehörigkeit eine gänzlich individuelle Angelegenheit sei, zu der sich nur die betreffende Person selbst legitimerweise äußern darf: Wenn eine Person sagt, sie sei Mann und schwanger, dann ist das so, Ende der Debatte.

Auch diese Position umgeht letztlich die Beschäftigung mit dem Zusammenhang von Realem und Symbolischem.

Es kam, wie es bereits abzusehen war: Auf die Aussage, es gäbe keine einfachen Lösung für das Problem der Wortfindung für “schwangere Männer” wurde geantwortet, Schrupp habe nicht mitbedacht, dass es doch eine einfache Lösung gäbe. Man kenne, wen man fragen müsse, dann sei das klar.

Besonders das Wort “unbeholfen” stieß bitter auf. Doch was wäre die Alternative? Wer möchte, wenn es um Tatsachen geht, die gesellschaftlich noch nicht mit Routine besprochen werden können, beholfen sein?

Aussagen

Die Schwierigkeit, das passende Wort zu finden, besteht darin, dass zwei Eigenschaften bisher das Mutter-Sein definiert haben, die eine von folgenden sein kann:

  1. Weibliches Geschlecht und die Sorge für ein Kind
  2. Weibliches Geschlecht und Gebärfähigkeit

Für Antje Schrupp stand hier (2) im Vordergrund der Diskussion. Hauptsächlich wegen Twitters Zeichenbegrenzung griff @fireantprincess zu einem cleveren Kunstgriff. Sie wiederholte sie in der formallogischen Form des Modus tollens:

In diesem Fall haben wir also:

G: gebären; M: Mutterschaft

((M→G)∧¬G)→¬M

zu deutsch: Liegt keine Geburt vor, liegt keine Mutterschaft vor.

So weit, so unkompliziert. Aber was bedeutet es, dass Mutterschaft an Geburt gebunden ist? Nicht notwendigerweise, dass ausschließlich Mutter sei, wer individuell beide Bedingungen von (2) erfüllt.

Was folgt, was ist bedingt?

Stattdessen lässt sich erst einmal eine Nummer kleiner postulieren, dass ein Zusammenhang besteht. Die Beziehung muss also nicht für jeden einzelnen Fall gelten:

∀x(M(x)∧G(x))

sondern nur für einige

∃x(M(x)∧G(x))

was die Beziehung aber beliebig werden lässt. Hier haben wir genau das Problem, das in dem Zeit-Artikel angesprochen wurde. Das von Allgemeinheit und Besonderheit in der Begriffsbildung. Soll der gefundene Satz für alle gelten, ist er zu streng und zu primitiv, um auch nur leicht kompliziertere Fälle zu erfassen. Soll er nur individuell gelten, fragt sich: Wieso darüber reden? Tautologisch formuliert: Der Rekurs auf die Einzelnen vereinzelt.

Die Not, darüber zu sprechen, ergibt sich nicht allein aus dem Vorhandensein von Einzelfällen (woher auch immer man davon gehört haben mag), sondern es gibt einen Trend, eine gewisse Plausibilität. Ohne dass die Verbindung von Geschlecht und Geburt beim Mutter-sein also absolut gesetzt werden muss, kann sie ihre Plausibilität erhalten. Und die Problematisierbarkeit des Themas “Transmänner, die geboren haben” zeigt eine gewisse Auffälligkeit und Schlagkräftigkeit dieser Verbindung.

Dieses Problem einer Unvereinbarkeit ist kein neues und lässt sich zum Beispiel in der Wissenschaftsphilosophie des 20. Jhdt. im Problem der statistischen Aussage beobachten. Diese hat die Besonderheit, dass ihre Wahrheitsfähigkeit nicht dieselbe ist wie bei universellen Hypothesen der Form A->B, sondern gestuft ist (51% der geborenen Menschen ist männlich ist richtiger als dass es 30% seien). Die statistische Form, etwas in Anteilen (51/100 usw.) anzugeben ist dann ein spezifisches wissenschaftsphilosophisches Problem, das hier nicht vorliegt. Wichtig ist nur eine Inkompatibilität mit rigiden syllogistischen Hypothesen. Statistisch werden nämlich nicht nur Tatsachen (v.A. Klassenzugehörigkeiten und Meinungen) in den Sozialwissenschaften, sondern auch in den Naturwissenschaften ausgedrückt. So in der Physik in der kinetischen Gastheorie oder Max Borns statistischer Interpretation der Quantenphysik. Gerade der Konflikt von Aussagen der Quantenphysik mit denen der Atomphysik besteht in der Unvereinbarkeit eines Systems statistischer Aussagen (Quantenphysik) mit einem System nichttstatistischer Aussagen (Atomphysik). Denn auch verzichten kann man auf diese unscharfen Systeme nicht, wenn von ihnen alle Irritationen und damit Neuerungen der klassischen Theorie ausgehen

Derrida und die usure

In La Mythologie Blanche, La métaphore dans le texte philosophique beschäftigt sich Jacques Derrida mit Gebrauch und Wirkung von Metaphern. Geht man davon aus, dass unsere Sprache untergründig immer metaphorisch ist, gibt es keinen Weg zu einer Beschreibung der Metapher, die selbst keine solche wäre. (Wird sie so gebräuchlich und selbstverständlich, dass man sich dessen gar nicht mehr bewusst ist, spricht man von toten Metaphern. Wie aber stirbt eine Metapher?) Erschlossen werden soll sie durch den Begriff der usure. Anstelle der ‘usage’, einem Gebrauch, wird also ein Verbrauch, ‘usure’ beschrieben. Wie auch der Witz nutzt sich die Metapher mit jedem Gebrauch ab, reibt sich ab, ermüdet, wird üblich oder Kitsch. Eine weitere Bedeutung von usure ist jedoch gleichsam der Wucher. Diese zweite Bedeutung, aus einem primitiven Rohstoff einen Gewinn zu schlagen, Zinsen zu nehmen, linguistischen Mehrwert zu generieren, hat für Derrida den gleichen Stellenwert wie die erste. Sie beschreibt den Spielzug, den eine Sprecherin mit dem Gebrauch einer Metapher tätigt, mehr zu gewinnen als sie ausgegeben hat.

Und eben auf diese Weise, metaphorisch nämlich, werden neue Begriffe gewonnen. Der Tisch wird dann von seinen Tischbeinen getragen. Neues wird immer auf eine Weise vorgeschlagen, die unscharf ist, einen höheren Aufwand an Verstehen erfordert und theoretisch etwas unbefriedigend (“unbeholfen”) bleibt. Erst mit der Benutzung reibt sich das ab, hält man die Metapher für den Sachverhalt selbst. Das macht dann auch die sonst vergleichsweise “raue” (“fruste”, Derrida) Ausdrucksweise der Philosophin aus. Als Ausgleich der Feinheit und Stärke des einen Begriffs wird der Rest des Satzes, des Textes auf “normale” Sprache bedacht sein. (Vgl. dazu Kompensation und poetisches Lesen) Philosophie ist der sich selbst tragende Prozess der Metaphorisierung. So werden Debatten geführt. So bilden sich Diskurse heraus. Vieles ist nicht selbstverständlich und die Kompetenzen sind nicht verteilt.

Das Primat der Erfahrung

Deshalb finde ich es befremdlich, wenn auf die scheinbar eindeutige Überzeugungskraft individueller Erfahrungen verwiesen wird. Nicht weil ich diese Erfahrungen leugnen würde, sondern weil die Zusprache, wer etwas zu etwas zu sagen habe, gerade von einer Klarheit dessen ausgeht, worum es gehen soll. Das gilt für einfache Evidenzen wie “Ich kenne Personen x, die bereits y verwenden”, aber auch für das Zusammenstampfen des Themas auf die Erfahrung der Geburt:

Dabei ist das Problem ja nicht, dass die einen eine Erfahrung machen, andere nicht (Zählt dann Kaiserschnitt? Adoption?), sondern dass es diesen Zusammenhang von Geschlecht und Mutterschaft gibt, wenn sich darüber verständigt werden soll. Sie tauchen gemeinsam auf. Dass Geschlecht und Gebären als Erfahrung vorkommen ist also trivial richtig, aber die Probleme gibt es woanders. Wo das darüber Sprechen Rückwirkungen auf das Leben hat. Adoptivmüttern, Vätern, Transmännern, die geboren haben, soll nicht ein privilegierter Status vorenthalten werden. Im Gegenteil: Es muss beobachtet werden, was diese Auffälligkeit des Diskurses für diese Menschen bedeutet und dafür, wie sie sich bezeichnen wollen. Dafür, wie andere diese Selbstbezeichnungen verstehen und damit umgehen wollen. Gerade wenn sich jemand zum Beispiel entscheidet, Vater zu nennen, obwohl er selbst das Kind im Leib getragen hat oder Mutter, obwohl er ein Mann ist, ist es doch eine wichtige Tatsache, dass er dies unter oben genannten Bedingungen der symbolischen Ordnung tut.

Denn auch das kann man über die Metapher wissen. Klassisch wird sie nach I. A. Richards in tenor und vehicle unterteilt. Der tenor ist das Objekt, welchem Attribute zugeschrieben werden, der nehmende Teil. Das vehicle ist der gebende Teil. Sage ich “Sie ist eine Rose”, ist “Sie” der tenor und die Rose “vehicle”. So einfach ist das aber eben nicht, denn eine Frau als Rose zu bezeichnen, ändert auch, wie wir dann die Rose sehen. Jede Metapher wirkt auch auf das zurück, aus dem sie schöpft. Das ist ihr unerhörter Wucher. Das macht sie so kompliziert und schön.

Genauso ändert sich für alle Menschen etwas, wenn es in der symbolischen Ordnung nicht mehr nur Frauen, Männer und Intersexuelle gibt, sondern eine ganze große Bandbreite von Geschlechtern. Und ist das nicht auch die Absicht solcher Diskurse?