Ich schreibe ungern über Kybernetik. Mir erscheint es dabei um eine Leichenfledderei einer inzwischen irrelevanten Theorie zu gehen. Fleißige Bemühungen bestehen, Lücken zu füllen, die Luhmann zurückgelassen hat, oder Watzlawick. Entsprechende Gelehrte beschäftigen sich dann mit dem Werdegang von Norbert Wiener, Bertalanffy, Heinz von Foerster, oder auch Shannon und Weaver. Dabei ist der Kybernetik am besten gedient, wenn sie unwissenschaftlich bleibt, wenn ignoriert wird, wie ihre Schriften neben Fuzzy Logic, Management-Theorie, Semiotik oder kritischer Theorie stehen.

Im Sinne von Luhmanns Beschwörung der Second Order Cybernetics als innovativer, unterbetrachteter Idee sollte man sich doch neue Projekte und eigene esoterische Gründerwerke und -figuren suchen. Die Esoterik Luhmannscher Zitierschwemme hat mit der Arbeitspraxis des zettelkastens zu tun, und zwar nicht bloß in der Masse der Fußnoten, sondern auch in Aufbau und Seltenheit. Der Zettelkasten mit seinem Gedächtnisvorteil muss sich nicht wie in der Wissenschaft institutionalisierte und mit Arbeitsgedächtnis (vergesslich) ausgestattete Mensch durch Kanonisierung und Kreisen um einige Werke orientieren. Der Mensch muss an wenige Werke sein Wissen anheften, woher es auch herkommt. Der Zettelkasten verzettelt sofort und zuverlässig, beim Lesen wovon ein Unterschied gemacht wurde.

Das Kreisen um wenige Werke kann dann auch in der wissenschaftlichen Arbeit Theorie verhindern, weil zuviel dazu gedacht wurde. Denn jeder kann dann aufgeklärt werden, was er noch nicht gelesen habe, und nur noch das. Luhmann dachte auch nicht, dass die Kybernetik stimmt. Er machte darauf aufmerksam, man habe es mit einem neuartigen Gedanken zu tun, und er hatte es gewissermaßen mit low-reputation-Leerstellen zu tun; Sie waren wissenschaftlich zitierbar, aber nicht in eine Starre abgearbeitet. Die Etablierung der Systemtheorie war ein Spiel mit dem Wissenschaftsbetrieb, mit Anknüpfungsstellen an dem etablierten Maschinentum und Theoriearbeit, an den freien Fransen.

Ich will hier dann doch mal eine kybernetische Provokation versuchen, um etwas Unordnung in die Sache zu bringen.

Die Gesellschaft der Kybernetik

Die Gesellschaftstheorie der Kybernetik ist eine von Maschinen, die an Maschinen angeschlossen sind. Maschinen, die in Interaktion mit anderen sind, die dabei unter Umständen wieder Maschinen sind. Das ist eine Metapher, die in sich selbst kollabiert, wenn man diese Maschinendefinition an Erwartungsbildung koppelt. Wenn ein Beobachter beispielsweise etwas als triviale Maschine sieht, macht er sich dann selbst zur trivialen Maschine? Schließlich schließt er dabei seine Erwartungen zu einer eigenen Input-Output-Relation kurz, in der stabil auf einen Wahrnehmungsinput derselbe Erwartungssemantische Output folgt. Eine naive, vor allem eine kausalistische/behavioristische Betrachtungsweise eines anderen wäre dann eine doppelte Trivialisierung. Den Anderen als trivial zu erleben ist Selbsttrivialisierung der Beobachtung.

Triviale Maschine und Schule

Heinz von Foerster versucht, (nachzulesen in Heinz von Foerster (2001): Short Cuts, Zweitausendeins, Frankfurt am Main) dem Leser die Unterscheidung von trivialer und nicht-trivialer Maschine schmackhaft zu machen. Bemerkenswert ist dabei, dass er es nicht durch eine Beschaffenheit selbiger Maschine erklärt, sondern durch Erwartung an sie. Die Frage ist: Was tust du, wenn die Maschine überrascht? Wenn mein Fahrrad auf meinem Weg in die Stadt unter meinem Hintern auseinanderfällt, ist das erst eimal eine kreative Interpretation des Transportanspruchs, das ich an es stelle. Meine Reaktion ist aber die, es als nicht funktionierend zu betrachten. Dann schicke ich es zum Trivialisateur, es mir wieder fahrtüchtig zu korrigieren, schmeiße es weg oder tausche es um. Selbiges mache ich nicht mit meinem Nachbarn, der nicht grüßt. Von Foerster hat nun ein Problem mit der “westlichen rationalistischen Tradition”, sie habe sich “in die Trivialisationsoperation verliebt”

Stellen sie sich vor, Sie fragen ihren Sohn: “Sag einmal, wieviel 2x2?” und er sagt “grün”. Was passiert? Sie schicken ihn in die staatliche Trivialisationsanstalt, damit er dann später “4” sagt.

…Ein paar Worte über die nichttrivialen Maschinen. Die nichttrivale Maschine ist eine Maschine in der Maschine. Das bedeutet, wenn ich einmal mit dieser Maschine operiere, hat diese Maschine sich schon - innerlich - geändert und wurde durch diese Operation eine andere Maschine.

Zum Beispiel könnte ich ohne weiteres sagen “Wieviel ist 2x2?” und sie sagt “grün!” Dann sage ich: “nein, das ist doch blau” und sie sagt “nein, das ist doch 4!” Oder so ähnlich. Eine Maschine, die Sie verblüfft, was immer sie auch macht, die stets macht, was Sie nicht erwarten, das ist genau das Faszinierende

Sein Beispiel ist dann eines, wie er seinen Sohn in die Zivilisation hineintrollen möchte, und offenbar soll man eben die Geduld haben, das zu tun, bis man sich das Kind zurechtgetrollt hat. Das ist die menschliche Alternative zur Trivialisierungsoperation. Mein Vorschlag ist nun aber, die Trivialisierung auch im Sozialen erst einmal neutral zu betrachten. Wir sparen uns das Tabu, man solle nur die Dinge funktionalisieren, mit den Menschen reden und nicht andersrum.

Mit diesem Auge können wir Trivialisierungen als eine zivilisatorische Errungenschaft betrachten. Die Gesellschaft, zwischen Routinen, Ritualen, Institutionen, Behörden, hat Lücken und in diesen Lücken scheitern Menschen. Wir reden mit einem Obdachlosen und behalten unsere Beobachtung auf der Grenze zwischen einem empathischen Anerkennen von Schicksal und Kauzigkeit, und der Bereitschaft zur Flucht oder Verteidigung, wenn es zur Eskalation in Form von zB. psychotischem Verhalten kommt. Wir reden mit einem Betrunkenen, reden ob seiner fehlenden Kontrolle über die Situation und sein Zentralnervensystem sehr behutsam. Wenn diese Situation eskaliert, wird es ernst, im Zweifelsfall wird die Polizei eingeschaltet. Damit hatte man nicht gerechnet.

Das Leben passiert in Zwischenräumen der Ordnung, aber einen Zwischenraum gibt es eben nur zwischen etwas. Es gibt Situationen, in denen wir durch Empathie, durch Menschlichkeit erst einmal aufgeschmissen sind. In denen keine Routine bereitsteht, mit unserer Dysphorie umzugehen. In solchen Momenten der Aufdringlichkeit der Situation ist es uns erlaubt, einen Menschen als nicht funktionierend zu betrachten. Uns ist zur Selbsterhaltung erlaubt, jemanden zu trivialisieren, wenn wir der eignen Hilflosigkeit wegen schlimmeres verhüten können. Im Grenzfall ist jeder bereit, darauf zuzugreifen, aus einem Menschen ein medizinisches (Psychiatrie), ein rechtliches, ein Problem sozialer Ordnung (Polizei) zu machen. Trivialisierungen sind soziale Rollen, funktionale Räume (Supermarkt, Universität), Technologien,… Institution ist Trivialisierung.

Fallstudie

Mit 15 machte ich ein zweiwöchiges Praktikum in einem Hospiz. Von der Hospizleitung wurde ich gewarnt, es könnte alles friedlich verlaufen, oder ich würde zwei Wochen erwischen, in denen viel gestorben werde. Wie es die Medizin so wollte, trat ich in letzteren Fall. Doch im Austausch für die sechs Seelen konnte eine Besucherin diese letzte Station eines Lebens so gut wie geheilt wieder verlassen. Ein Fall bleibt mir ob seiner Eindringlichkeit besonders im Gedächtnis. Ein Mann war für diesen Tag geplant, zum Hospiz hinzuzukommen. Aufgrund von Komplikationen seitens des Krankenhauses war dies bereits um einen Tag aufgeschoben worden, und dass er von zwei Sanitätern auf einer Trage hereingefahren wurde, zeigte den Ernst seines Falles an - soll heißen, die vorraussichtliche Kürze seines Aufenthalts. Tatsächlich ging es ihm so schlecht, dass er kein Wort sprach, nur ein nasaliertes Rufen ohne Gebiss und aufgerissene Augen bereichteten seine Schmerzen. Entsprechend wurde seine Morphindosis eingeschätzt. Das Register, in dem die Schwestern von ihm sprachen, war ein entsprechend gesenktes. Am detailreichsten und sympathischsten spricht man von den Patienten, die sich aufrichten können, oder sogar laufen. Sie hatten einen Beruf, sie haben eine Routine, man besteht auf seinen Muggefugg um 15:00 Uhr. So lernte ich in dem Alter das Wort ‘Spleen’ für einen Tick oder eine Eigenart. Man speiste zusammen. Eine zweite Klasse hatte imnmerhin noch außermedizinische Wünsche. Eine ehemalige Konzertpianistin hatte eine CD ihrer Lieblingsstücke am Tag laufen. Eine Besucherin brauchte ein offenes Fesnter, durch das sie auf die vielbefahrene Straße schaute; ob Hell oder Dunkel, ohne Angst vor der Kälte. Die zweite Klasse schläft viel, sie haben Zugang zu Schmerzmitteln. Das dritte Register ist sprachunfähig und deshalb ein medizinischer Fall (Der Patient, der antwortet, ist im Krankenhaus ein rechtlicher, im Hospiz ein menschlicher Fall).

Von einem Schaltstellenähnlichen Raum ist für jedes Zimmer ein Licht eingerichtet. Jeder Besucher hat an seinem Bett einen Schalter. Gedrückt, geht vor dem Raum und gleichzeitig in der Schaltstelle ein Licht, vor dem jeweiligen Zimmer tönt eine digitale Sirene und unterbricht die Hotelstille. Je nach Aufenthalt zeigen also akustische, optische, (jeweils direkt bei ihrer Quelle) und abstrahierte Signale (also als Licht in einem Konglomerat von Grundriss und Schalterkreis), wohin die Aufmerksamkeit zu richten ist. Das Hospiz ist kein Krankenhaus, deshalb passiert alles - im Kontrast zur Lichtgeschwindigkeit der Signalanlage - langsam und verzögert. Niemand wird von einem auf den anderen Moment in Lebensgefahr sein. Der neue Besucher macht regen Gebrauch von der Signalanlage. Alle 20-30 Minuten löst er einen Ton aus. Keinen Alarm (“zu den Waffen” - à l’arme), sondern eine Alerte (“auf der Hut” - à l’erte). Mir war bewusst, dass jedem Signal ein kurzer Besuch von einer der Schwestern folgte. Bei einem weiteren Ton wurde ich losgeschickt, “nach dem Rechten schauen”. Ich ging in das Zimmer, der Sprachunfähigkeit des neuen Besuchers noch nicht vollends bewusst. An der Warnleuchte vorbei durch die Tür trat ich ein. Gegrüßt wurde ich von einem entgleisten Gesicht. Mund und Augen weit aufgerissen. Ohne Gebiss zeigte der Mund mir Zahnfleisch, die nach unten spitze Nase verleihte dem Gesicht Adlerartige Züge, die durch den starken Gesichtsausdruck übertrieben wurden. Hellstblaue Augen starrten mich an, während ein palatales gggnnn mich aufforderte, mit steigender Dringlichkeit: “gnnn. GGNNN!” “Kann- kann ich ihnen helfen?” Ich presste die Frage nur leise murmelnd aus meiner frisch gebrochenen Stimme. Ich bekam, weniger zur Antwort als in Form eines verstärkenden Signals dieselben Laute zwischen dem Zahnfleisch herausgedrückt: “gnnnn. GGNNNN”

Die Nichtsprache war eine Herausforderung, der ich nicht gewappnet war. Meine entsetzt aufgezogenen Augen spiegelten seine. Mein Glaube an vieles stand in einem denotierbaren Moment zur Disposition. Ich war von mir als einem empathiefähigen, einem guten Menschen ausgegangen. Ich war stets bemüht, dass es den Menschen um mich herum, wie auch der Welt, besser geht. Meine Politik war eine des Rettens, Bewahrens, für Empathie und Solidarität kämpfens. Der Fall ist nicht: Das stimmt nicht, so war ich in Wahrheit, als es darauf ankam, nicht. Sondern: Darauf kam es, als es drauf ankam, nicht an.

Ich musste nur erfahren, und dann berichten, was dem Mann fehle. Was ich aber war, war hilflos zu helfen. Hilflos, zu kommunizieren. Ich hatte kein medizinisches Wissen für eine ungefragte Diagnose, keine Möglichkeit zu fragen. Das musste also Menschenkenntnis und Einfühlungsvermögen kompensieren. Und ich musste mir das Gefühl verbieten, es nicht mit einem Menschen zu tun zu haben, sondern einer sozialen Krisensituation des Zerbrechens der Sprache. Ich strengte also mein inneres Vermögen an, das aber ist kein Muskel und gewinnt nicht bei Belastung an Volumen. Es hat nicht Raum und Platz. Ich hätte keinem Menschen ein Wort versagen können, also kehrte ich einem Problem den Rücken. In meinem Schrecken konnte ich mein Handeln nicht erklären, mich entschuldigen, oder gar ihn beruhigen. Ich kehrte ihm den Rücken, zog hinter mir die Tür zu. Der Schrecken stand mir noch ins Gesicht geschrieben, als ich zurück bei der für mich zuständigen Schwester ankam. Ich erklärte, dass ich nichts habe verstehen können. Auf meine Hilflosigkeit antwortete sie ein wissendes “Ah.”, und mutmaßte, er habe wohl noch Schmerzen. Sie erzählte von den Bedingungen, die eine erhöhte Morphindosis erschwerten. Es gab auch keinen Sinn, ihn noch einmal zu besuchen, bevor er erneut läuten würde. Der Bezug zu ihm war funktional. Es war keine Einfühlung und kein Gespräch zu beobachten. Es war ein medizinisches Problem.

Nur deshalb war es möglich, seiner gerecht zu werden.

Nur deshalb war es möglich, ihm zu helfen.

Nur deshalb war ihm zu helfen.

Nur ein kaltes Herz erbt bei Berührung nicht den Tod.

Als medizinisches Problem war er ein triviales, und es gibt keinen Grund, sich daran zu stören.

Die Grenzen der Gemeinschaft

Helmut Plessner hatte eine anhaltende Skepsis gegenüber einer Philosophie der Innerlichkeit, deren Erfolg - vor allem in Deutschland - er dem Protestantismus, durch Marx hindurch, zuschreibt. Die Vorstellung ist dabei, dass es beim Menschen einen festen inneren Kern gibt, der erst durch eine soziale Einwirkung korrumpiert werde. Höflichkeiten und zivilisierte Arrangements sind Lüge und stehen dem freien, nach außen unendlich ausgebreiteten Subjekt im Weg. Solche Rousseau-Marxisten ignorieren dabei Errungenschaften der Gesellschaft, die den Einzelnen gerade vor einer stets gefährlichen Öffentlichkeit schützen. Wer mit echten Emotionen und einer kompletten psychischen Verfassung sich in die Öffentlichkeit wagt, ist jederzeit einer Gefahr der Lächerlichkeit ausgesetzt. Rüstungen wie die Institution der sozialen Rolle sind die Panzer, die vor Verletzung in der Steppe der Menschlichkeit schützen.

Das funktioniert nur durch die kultivierte gegenseitige Rücksichtnahme auf nicht komplette Menschen. Die soziale Rolle ist durch Verknappung des Menschen auf eine Batterie an Funktionen in der Lage, einen respektvollen Umgang zu schaffen, der immer mit Rolle + (also soziale Rolle zuzüglich einem Überschuss) passiert. Jemandem in seiner Rolle zu begegnen, und nur in dieser Rolle, is deshalb eine Anerkennung seiner Menschlichkeit, weil sein Überschwang, sein außerdem-noch-Sein anerkannt wird. Was verschwiegen wird ist selbst Botschaft.

Der doppeldeutige Charakter des psychischen drängt zur Fixierung hin und zugleich von der Fixierung fort. Wir wollen uns sehen und gesehen werden, wie wir sind, und wir wollen ebenso uns verhüllen und ungekannt bleiben, denn hinter jeder Bestimmtheit unseres Seins schlummern die unsagbaren Möglichkeiten des Andersseins. Aus dieser ontologischen Zweideutigkeit resultieren mit eherner Notwendigkeit die beiden Grundkräfte seelischen Lebens: der Drang nach Offenbarung, die Geltungsbedürftigkeit, und der Drang nach Verhaltung, die Schamhaftigkeit.

Solche Zweideutigkeiten kennt die physische Welt von sich aus nicht.

Helmut Plessner (2002): Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus, Suhrkamp, Frankfurt am Main, S.63

Die Rüstung in der Öffentlichkeit besteht in einer zweiseitigen Distanzierungsmöglichkeit. Ich muss mit Verkäufer, Lehrer, Busfahrer keine diffus aufeinander bezogene Beziehung aufbauen, um mit ihm in Kontakt zu treten, und er selbst muss sich seine Rolle und das Ethos seines Berufes nicht glauben, solange der Bus halbwegs pünktlich ist, der Lehrplan erfüllt ist usw. Erst die doppelseitige Trivialisierung setzt das Gewissen frei. Entfremdung ist eine Form der Vergesellschaftung, die es uns erlaubt, wir zu sein, gerade wenn und weil wir es nicht sind. Slavoj Zizek sieht den Kapitalismus (ich würde sagen: die moderne Gesellschaft) in Kung Fu Panda beschrieben. Eine ganze Ideologie, ihre Magie, ihr Mythos und ihre Welthaltung wird parodiert, veralbert und - wenn is die Handlung erfordert: Funktioniert sie dennoch. Die Gesellschaft braucht es nicht, dass wir an sie glauben. Wir müssen nur tun, was wir tun, und sie wird uns bereits strukturell voraus sein, wie wir ex post facto immer erst feststellen können.

Erst in begrenzten und doppelt dinstanzierungsfähigen Verhältnissen können wir auf vollständige Weise aufeinander bezogen sein. Das ist das Problem einer Kritik einer “trivialisierungsverliebten” Kultur. Es fehlt bei Soziologen offenbar die Anerkennung, wieviele Momente es gibt, in denen die Aufdringlichkeit der Situation uns überwältigt und hilflos lässt. Wir müssen die Möglichkeit parat haben, einen Menschen als nicht funktionierend zu behandelnd, um uns anmutig von einer Situation in die nächste zu bewegen, kurz: zu handeln. Und erst eine durch und durch sichere und gesicherte Öffentlichkeit kann sich solche Gedanken des wertvollen Subjekts machen. Die Robustheit und Resilienz sozialer Systeme erlaubt, ihre Bedingungen völlig zu vergessen und Postulate und Manifeste über den ganzen Menschen zu veranstalten. Nur der satteste, befreiteste Mensch kann darüber reden, dass Hilflosigkeit und Scheitern der wertvollere Eindruck ist, während dem neuen Besucher im Hospiz, dessen ganzer Welthorizont gerade aus Schmerz besteht, der deshalb aus der unmittelbaren, grauenvollen Gegenwart nicht entkommen kann, kein Morphin zugesprochen wird.

Das Problem an Enttrivialisierungsprogrammen ist, wie stark sie unterschätzen, dass das Einführen des ganzen Menschen, der ganzen Person zu Gewalt führt. Wo der ganze Mensch zur Disposition steht, ist der ganze Mensch falsch, wenn die Aufdringlichkeit der Situation keinen Raum mehr lässt. Wo es nur Menschen gibt, gibt es nur Moral, und wo Moral ist, ist der, der falsch ist, komplett falsch - und muss beseitigt werden. Heinz von Foerster nimmt das Beispiel eines Kindes, das durch die Schule “trivialisiert” wird, weil es die falsche Antwort gibt. Hier soll ein Mensch repariert werden. Daran kann Anstoß genommen werden, und das liegt nahe, wenn es um Schulen geht, in denen die peinliche Strafe noch Gang und Gäbe ist. Wo solche Institutionen nun vermenschlicht werden, ergeben sich nur neue Trivialisierungsbedürfnisse. Und wenn man die Medikalisierung von Bildungsproblemen beklagt (“jeder schlechte Schüler hat plötzlich ADS!”), muss man hier, bei der Vermenschlichung von Institutitonen, bei der protestantischen Innerlichkeitspredigt, beginnen. Am Ende, wenn man es mit solchen gewaltsamen Unterfangen wie dem Zurichten kleiner menschen, damit sie auf die Wagnisse der Gesellschaft vorbereitet sind, wird das Behandeln von mindestens abweichendem Verhalten, vor allem aber von Unerwartbarkeiten, die bedrohlich sind, von der Aufdringlichkeit der Situation zu einem großen Problem. Zu dem proto-politischen Problem, dass das ein Mensch im Weg steht.

Die Enttrivialisierung hat zur Entfernung der peinlichen Strafe in der Schule geführt, zu pädagogischen Konzepten,die Frontalunterricht vermeiden wollen, um zur Selbstbildung, zur Sozialisierung anzuregen. Sie zahlen aber den Preis, dass die Erhöhung des Anspruchs an ein System, situationelle Komplexität aufzunehmen, mit Trivialisierung zu bezahlen. Wo eine Schule nicht sagen kann, dass da jemand nicht funktioniert, muss sie sagen, er sei nun ein medizinisches, ein politisches, ein persönliches Verantwortungsproblem der Eltern. Pädagogisch-Wissenschaftliche Konzepte sind ein Turbo-Humboldt, ein Planverfahren, das Kindern so viele Projekte zur Selbstentfaltung entgegenwirft, dass keine Zeit zur Selbstentfaltung bleibt - durch Hobbies, Langeweile, Experimentierfreude. Eine humanistische Schule kann nur noch eine Ganztagsschule sein, weil ihr Schüler ein ganzer Mensch ist, aber außerhalb ihres Zugriffs ein ganzer Mensch ist, der aufhört zu existieren. Wer für eine Humanisierung des Gymnasiums plädiert, für ganzheitliche Betreuung und stärkeren Wert auf Selbstentfaltung, muss bereit für die Trivialsierungen sein, die am Rande jeder Ganzheitlichkeit wuchern. Mit Erhöhung der Komplexität in jeder Klassensituation, mit dem Erhöhen der Aufdringlichkeit der Situation, zwingt man zum Aufschieben und Fremdverwalten von Problemen, über die eine Schule mal sprechen konnte und es nun verlernt hat. Der Humanismus verhärtet die Medikalisierung von Bildung, das Auffangen von abweichendem Verhalten durch Diagnose, ob sie dies will oder nicht - sie will nicht.

Mit entropischer Sicherheit erhöht die Enttrivalisierung einer Situation umliegende Trivialisierungsbemühungen